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Werkschau 2004-2013

Lizzi Zebisch

” Malen, malen, und sonst gar nichts.”

So resümiert die 82-jährige Lizzi Zebisch ihr heutiges Tun. Aus den Bildern selbst weht eine doppelte Lust. Die von heute, wie sie spielend unserem Aug begegnet; und eine Luft die unser Herz einen düsteren Pfad entlang bis zur Jahrhunderthälfte führt, als im desolaten Europa mutige Frauen, weit voneinander entfernt und nichts voneinander ahnend, auf lange steinige Malerkarrieren loszogen. Ein paar, wie die österreichische Kollegin Maria Lassnig, sind bekannt. Andere sollten es sein. Dabei heißt wenig, ob sie abstrakt oder figurativ malen, denn die meisten Künstlerinnen machen doch beides – ich sehe am Foto, das den Katalogeinband schmückt, auf Zebisch’ Atelierwand ein Kind hervorblicken.

Was für Zebisch und ihre Weggenossen westlicher ist, ist eine Offenheit der Welt gegenüber, die mit dem eigenen Körper anfängt und bis zum Kosmos reicht – eben eine plurale Fassung des malerischen Geschehens, das unsere Sehgewohnheiten mächtiger rüttelt als jedes Monochrom. Bei Zebisch prangen schon Mitte der 1980er Jahre Formen wie tanzende Ampellichter, die in der erneut hellen Ölpalette dieses Jahrzehntes Figuren wie zersprengte Kristallbälle, musikalische Steuer- oder doch Fahrräder, lauernde Salamander oder Raumschiffe, laufende Menschengestalten, um nicht von vibrierend malenden Wesen zu reden ergeben. Womit ich nur flüchtige Eindrücke notieren, denn mutmaßliche Objekte tauschen wieder geschwind zwischen die dick getragenen Felder von Farbe, die wie warme, vertraute Bettdecken harte, kleine Formen – Schlüssen, Ringe, oder gar saftige rote Früchtchen – zeigen und doch verborgen halten. Und trotz aller Feinheit, nichts ist niedlich: Farbe läuft wie bei Rauschenberg oder wird filigran gestreut. Ein Lebensteil als Werbegrafikern, ein Beruf, den Zebisch gemeinsam mit zwei Ehegatten ausgeübt hat – von Unterstützung in der Berufung als Malerin kann nicht die Rede sein – kommt ihr in der Sicherheit der Gestaltung zugute. Doch ich wähne, etwas Tieferes verbindet diese Bilder mit der Werbung: ein menschliches und nie prätentiöseres Spielen auf der Gefühlsskala vom Elternbett bis zu den Planeten hin. Daher dürfen an Picasso geschickt angelehnte, malerisch platzierte Zeitungsabschnitte auch einen ermunternden Ruf an die Malerin enthalten: „Mit mehr Balance“ liest man auf dem Gemälde von 2013. Sie hat doch genug!

Von Sprüchen abseits, fallen bei der Betrachtung solcher Werke gründlichere Fragen auf. Eine Fragensart ist dank der Freiburger Herkunft sowie der Nähe an das Titelzitat erwähnenswert. Die moderne Wissenschaft ablehnend sprach Heidegger 1929: „Erforscht werden soll nur das Seiende und sonst – nichts, das Seiende allein und weiter – nicht; das Seiende einzig und darüber hinaus – nichts.“ Dieses Mantra leitet, über die feierliche Frage „Wie steht es um das Nichts?“ zu einem Abschied des Konkreten und einer dubiosen Philosophie des Schicksals unter der Segnung Das Nichts nichtet. Ich weiß nicht, was Frau Zebisch von Herrn Heidegger hält. Die Schule empfand sie also „Übel, das mir die Zeit zum Malen stahl“, und wie Frau Mehring-Fuchs feststellt, malt Zebisch zu allerlei Musik außer Wagner – das sei Antwort genug. Doch die Gemälde sagen noch: die Welt steht nicht auf schwarz Wand vom Nichts gerahmt. Und die Malerei, der sie sich hingibt singt auch keinen Gesang der Leere. Sie singt vom Gelächter und Gestirn; von Blasen und Beeren.

Dr. Andrei Pop

Lecturer, University of St. Andrews, Mitglied eikones Bildkritik Basel